Beiträge zum Stichwort ‘ McDonald’s ’

Das Interview: “Geld hat keinen Geschlechtsverkehr”

„Das Interview“,  Österreichs erstes Interview-Magazin, ist ein Projekt des Journalismus-Instituts der Fachhochschule Wien. Für die Juliausgabe hat Peter Babutzky hat mit Klaus Werner-Lobo gesprochen:

Sind Sie eigentlich froh, dass diese Wirtschaftskrise ausgebrochen ist?

Froh kann man nicht sein. Denn die Verlierer sind wieder die Armen. Die Finanzkrise ist ja nicht das eigentliche Problem, sondern die Antwort auf die Krise ist die Katastrophe.

Warum?

Der Turbokapitalismus geht weiter. Es werden jetzt Milliarden in die Banken und in die Autoindustrie gesteckt, ohne dass die Verursacher der Krise dafür geradestehen. Im Gegenteil: Sie profitieren sogar davon.

Wenn man den Banken nicht die Milliarden geben würde, dann würde doch das ganze Wirtschaftssystem zusammenbrechen.

Klar, die Gesellschaft muss die Banken retten. Dann gehören die Banken aber auch uns und nicht ein paar Wunderheinis.

Das bedeutet verstaatlichen?

Ja. Aber nicht im Stil der 1970er Jahre. Die Banken müssen demokratisiert werden.

Was bedeutet „demokratisieren“?

Die Bevölkerung soll die wirtschaftlichen Ziele der Banken bestimmen. Banken sollen wieder ihre ursprünglichen Funktionen einnehmen: Risiken finanzieren, Investitionen machen, mit Geld aushelfen. Die wirtschaftlichen Ziele sollen demokratisch bestimmt werden.

Wollen Sie eine gerechte Welt im kapitalistischen System? Ist das überhaupt möglich?

Nein. Kapitalismus verspricht uns, dass sich Geld quasi von selber vermehrt. Geld hat aber keinen Geschlechtsverkehr, und ich habe auch noch nie einen Geldschein arbeiten gesehen. Reichtum vermehrt sich nur, wenn jemand dafür arbeitet. Wenn man das nicht selbst tut, müssen andere oder die Umwelt ausgebeutet werden.

Viele Ökonomen sagen aber, dass die Globalisierung eine Win-Win-Situation ist und vom Kapitalismus alle profitieren.

Das stimmt nicht. Die Erde hat nur begrenzte Ressourcen. Wenn einige diese Ressourcen im Übermaß
nutzen, dann verlieren andere. Wenn alle so leben würden wie die Durchschnittseuropäer, dann bräuchten wir zweieinhalb Erden, um alle Menschen zu ernähren.

Sogar Alexander Van der Bellen hat in einem Interview gesagt, dass der Kapitalismus das effizienteste System sei, das je erfunden wurde.

Ja, schon. Aber die Tötungsmaschinerie der Nationalsozialisten war auch effizient. Effizienz ist kein Kriterium für Menschlichkeit. Der Kapitalismus ist effizient in der Steigerung von Egoismus und Konkurrenzdenken. Menschlichkeit zählt in diesem Wirtschaftssystem nicht.

Möglicherweise neigt der Mensch eher zu Konkurrenz als zu Kooperation…

Nein, das ist falsch. Hirnforscher und Psychologen wie Arno Gruen oder Horst Eberhard Richter bestätigen, dasss wir Menschen alle Anlagen in uns tragen - von extrem grausam bis zu extrem liebevoll. Aber: Wenn unser Wirtschaftssystem Arschlochqualitäten belohnt, dann dürfen wir uns nicht wundern, dass Menschen Arschlöcher werden.

Schließt Reichtum Anstand aus?

Der absurde Reichtum der Multimillionäre ist unanständig, weil in einem begrenzten System wie der Erde übermäßiger Reichtum nur auf Kosten Ärmerer möglich ist – das ist Diebstahl.

Sind wirklich alle so schlecht? McDonald’s unterstützt zum Beispiel mit seinen Ronald McDonald Häusern kranke Kinder.

Also Ronald McDonald ist wirklich mein Feind.

Warum?

McDonald’s hat sein Geld durch schlimmste Formen von Ausbeutung gewonnen. Das ist so, als ob ein Schwerverbrecher jede Menge Leute umlegt. Und um seinen Ruf wieder zu verbessern, spendet er fünf Euro an den Opferfonds. Das ist das, was Ronald McDonald macht.

Wird die Wirtschaftskrise eine Trendumkehr weg vom Kapitalismus bewirken?

Heute kann man wieder Kapitalismuskritik anbringen, weil jeder kapiert hat, dass etwas an diesem System nicht stimmt. Bis vor kurzem konnte man das Wort Kapitalismus gar nicht in den Mund nehmen, ohne gleich als Stalinist bezeichnet zu werden.

Muss etwa die Marktwirtschaft abgeschafft werden?

Marktwirtschaft kann in kleinen Bereichen vernünftig sein. Aber sie kann nicht das einzige Wirtschaftsmodell sein. Es muss die Möglichkeit bestehen, dass Menschen nicht nach den Regeln von Profitmaximierung leben.

Wie soll dann aber eine alternative Wirtschaftsordnung aussehen?

Die wichtigste politische Forderung ist die Umverteilung. In den letzten Jahrhunderten ist das Vermögen immer von unten nach oben gewandert. Diese Entwicklung muss wieder umgekehrt werden. Zum Beispiel durch Vermögens- und Erbschaftssteuern. Das oberste Ziel von Wirtschaft sollte aber Glück sein und nicht Profit.

Aber wie können ohne das Gesetz von Angebot und Nachfrage etwa Preise entstehen?

Diese Frage sollte von der Gesellschaft demokratisch beantwortet werden. Die Preise für Luxusgüter können meinetwegen marktwirtschaftlich entstehen, allerdings müssen sie die ökologischen und sozialen Folgekosten beinhalten. Lebenswichtige Güter wie Wohnen oder Grundnahrungsmittel dürfen dem Profit-Prinzip aber nicht unterworfen werden. In diesen Bereichen muss reguliert werden.

Also Planwirtschaft?

Nein, es geht nicht um einen autoritären Top-Down-Ansatz, sondern um demokratisch vereinbarte Spielregeln. Gesetze und Steuersysteme sollten nicht den Shareholder-Value belohnen, sondern den Nutzen für die Gesellschaft. Dafür brauchen wir eine Demokratisierung auf allen Ebenen: auf lokaler, globaler, aber auch auf betrieblicher Ebene.

Sie wollen, dass die Mitarbeiter eines Betriebs über die Unternehmensziele abstimmen?

Durchaus. In Argentinien haben die Belegschaften Unternehmen übernommen, die von ihren Eigentümern in der Wirtschaftskrise fallengelassen wurden – seither arbeiten sie viel effizienter und produktiver.

Ihr neues Buch hat den Titel „Uns gehört die Welt“. Gehört sie wirklich uns?

Ökonomisch gesehen gehört sie den Reichen und Konzernen. Doch es ist immer noch unsere Welt. Und jeder sollte seinen Einfluss nutzen, um für eine gerechtere Weltordnung einzutreten. Wir müssen Räume schaffen, die nicht von der kapitalistisischen Profit-Logik dominiert sind.



Fairständnis für McDonald’s?

Auf der Online-Plattform Aktiv gegen Kinderarbeit findet man immer wieder interessante Berichte über globale Ausbeutung durch multinationale Unternehmen. Manchmal allerdings werden auch Meldungen über angebliche Aktivitäten der Konzerne im Rahmen ihrer “Corporate Social Responsibility” (CSR) relativ unkritisch übernommen, wie jüngst im Fall von McDonald’s: McDonald’s hat fairstanden – zertifizierter Kaffee im Schnellrestaurant, berichtet die vom Netzwerk EarthLink betriebene Seite da: Der mit dem Gütesiegel der Rainforest Alliance versehene Kaffee garantiere die Einhaltung ökologischer und sozialer Standards, welche u.a. auch das Verbot von Kinderarbeit einschließen.

Ich habe dazu folgenden Kommentar gepostet, den ich - zusammen mit den Reaktionen der Betreiber - hier leicht gekürzt wiedergeben möchte, weil die darin enthaltenen Argumente immer wieder auftauchen: (weiterlesen…)