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WDR: “Raus aus der Krise”

Sonntag, 28. Juni 2009, 11.00 - 12.25 Uhr WDR Fernsehen: Klaus Werner-Lobo in der Sendung west.art am sonntag

Blaue Einbahnstraßenschilder mit weißem Pfeil zeigen nach rechts und links.; Rechte dpa/Picture-Alliance, Wolfram Steinberg

Wie müssen wir unser Leben ändern?

Was tun? Das fragen sich viele, seit der weltweite Bankencrash jahrzehntelang gültige Überzeugungen in Frage gestellt hat. Noch ist nicht abzusehen, wie sehr sich unser Alltag in Zukunft verändern wird. Schon jetzt aber steht fest, dass die Wirtschaftskrise Auswirkungen auf das gesamte gesellschaftliche Leben hat. Mit welchen Konsequenzen müssen wir rechnen? Gibt es Grund zur Panik angesichts steigender Arbeitslosenzahlen und des Bankrotts großer Konzerne? Oder finden wir einen Weg, aus dem Kollaps zu lernen? [mehr]


Gertrud Höhler ist Publizistin und Management-Beraterin. Sie plädiert dafür, den Alltagstugenden wieder zu ihrem Recht zu verhelfen. [mehr]


Matthias Horx, Trend- und Zukunftsforscher, betrachtet den Crash der Finanzmärkte nicht als Katastrophe, sondern als Beschleuniger für dringend notwendige Veränderungen. [mehr]


Der Theaterintendant Ulrich Khuon warnt davon, an der Kultur zu sparen. „Theater kann solidarisierend wirken.“ [mehr]


Rebekka Reinhard ist philosophische Beraterin. Sie rät zum Abschied vom Perfektionismus und zu einer maßvollen Lebensgestaltung. [mehr]


Klaus Werner-Lobo gilt als „Star der alternativen Globalisierung, Er kritisiert Macht und Machenschaften der Großkonzerne. [mehr]



Das Interview: “Geld hat keinen Geschlechtsverkehr”

„Das Interview“,  Österreichs erstes Interview-Magazin, ist ein Projekt des Journalismus-Instituts der Fachhochschule Wien. Für die Juliausgabe hat Peter Babutzky hat mit Klaus Werner-Lobo gesprochen:

Sind Sie eigentlich froh, dass diese Wirtschaftskrise ausgebrochen ist?

Froh kann man nicht sein. Denn die Verlierer sind wieder die Armen. Die Finanzkrise ist ja nicht das eigentliche Problem, sondern die Antwort auf die Krise ist die Katastrophe.

Warum?

Der Turbokapitalismus geht weiter. Es werden jetzt Milliarden in die Banken und in die Autoindustrie gesteckt, ohne dass die Verursacher der Krise dafür geradestehen. Im Gegenteil: Sie profitieren sogar davon.

Wenn man den Banken nicht die Milliarden geben würde, dann würde doch das ganze Wirtschaftssystem zusammenbrechen.

Klar, die Gesellschaft muss die Banken retten. Dann gehören die Banken aber auch uns und nicht ein paar Wunderheinis.

Das bedeutet verstaatlichen?

Ja. Aber nicht im Stil der 1970er Jahre. Die Banken müssen demokratisiert werden.

Was bedeutet „demokratisieren“?

Die Bevölkerung soll die wirtschaftlichen Ziele der Banken bestimmen. Banken sollen wieder ihre ursprünglichen Funktionen einnehmen: Risiken finanzieren, Investitionen machen, mit Geld aushelfen. Die wirtschaftlichen Ziele sollen demokratisch bestimmt werden.

Wollen Sie eine gerechte Welt im kapitalistischen System? Ist das überhaupt möglich?

Nein. Kapitalismus verspricht uns, dass sich Geld quasi von selber vermehrt. Geld hat aber keinen Geschlechtsverkehr, und ich habe auch noch nie einen Geldschein arbeiten gesehen. Reichtum vermehrt sich nur, wenn jemand dafür arbeitet. Wenn man das nicht selbst tut, müssen andere oder die Umwelt ausgebeutet werden.

Viele Ökonomen sagen aber, dass die Globalisierung eine Win-Win-Situation ist und vom Kapitalismus alle profitieren.

Das stimmt nicht. Die Erde hat nur begrenzte Ressourcen. Wenn einige diese Ressourcen im Übermaß
nutzen, dann verlieren andere. Wenn alle so leben würden wie die Durchschnittseuropäer, dann bräuchten wir zweieinhalb Erden, um alle Menschen zu ernähren.

Sogar Alexander Van der Bellen hat in einem Interview gesagt, dass der Kapitalismus das effizienteste System sei, das je erfunden wurde.

Ja, schon. Aber die Tötungsmaschinerie der Nationalsozialisten war auch effizient. Effizienz ist kein Kriterium für Menschlichkeit. Der Kapitalismus ist effizient in der Steigerung von Egoismus und Konkurrenzdenken. Menschlichkeit zählt in diesem Wirtschaftssystem nicht.

Möglicherweise neigt der Mensch eher zu Konkurrenz als zu Kooperation…

Nein, das ist falsch. Hirnforscher und Psychologen wie Arno Gruen oder Horst Eberhard Richter bestätigen, dasss wir Menschen alle Anlagen in uns tragen - von extrem grausam bis zu extrem liebevoll. Aber: Wenn unser Wirtschaftssystem Arschlochqualitäten belohnt, dann dürfen wir uns nicht wundern, dass Menschen Arschlöcher werden.

Schließt Reichtum Anstand aus?

Der absurde Reichtum der Multimillionäre ist unanständig, weil in einem begrenzten System wie der Erde übermäßiger Reichtum nur auf Kosten Ärmerer möglich ist – das ist Diebstahl.

Sind wirklich alle so schlecht? McDonald’s unterstützt zum Beispiel mit seinen Ronald McDonald Häusern kranke Kinder.

Also Ronald McDonald ist wirklich mein Feind.

Warum?

McDonald’s hat sein Geld durch schlimmste Formen von Ausbeutung gewonnen. Das ist so, als ob ein Schwerverbrecher jede Menge Leute umlegt. Und um seinen Ruf wieder zu verbessern, spendet er fünf Euro an den Opferfonds. Das ist das, was Ronald McDonald macht.

Wird die Wirtschaftskrise eine Trendumkehr weg vom Kapitalismus bewirken?

Heute kann man wieder Kapitalismuskritik anbringen, weil jeder kapiert hat, dass etwas an diesem System nicht stimmt. Bis vor kurzem konnte man das Wort Kapitalismus gar nicht in den Mund nehmen, ohne gleich als Stalinist bezeichnet zu werden.

Muss etwa die Marktwirtschaft abgeschafft werden?

Marktwirtschaft kann in kleinen Bereichen vernünftig sein. Aber sie kann nicht das einzige Wirtschaftsmodell sein. Es muss die Möglichkeit bestehen, dass Menschen nicht nach den Regeln von Profitmaximierung leben.

Wie soll dann aber eine alternative Wirtschaftsordnung aussehen?

Die wichtigste politische Forderung ist die Umverteilung. In den letzten Jahrhunderten ist das Vermögen immer von unten nach oben gewandert. Diese Entwicklung muss wieder umgekehrt werden. Zum Beispiel durch Vermögens- und Erbschaftssteuern. Das oberste Ziel von Wirtschaft sollte aber Glück sein und nicht Profit.

Aber wie können ohne das Gesetz von Angebot und Nachfrage etwa Preise entstehen?

Diese Frage sollte von der Gesellschaft demokratisch beantwortet werden. Die Preise für Luxusgüter können meinetwegen marktwirtschaftlich entstehen, allerdings müssen sie die ökologischen und sozialen Folgekosten beinhalten. Lebenswichtige Güter wie Wohnen oder Grundnahrungsmittel dürfen dem Profit-Prinzip aber nicht unterworfen werden. In diesen Bereichen muss reguliert werden.

Also Planwirtschaft?

Nein, es geht nicht um einen autoritären Top-Down-Ansatz, sondern um demokratisch vereinbarte Spielregeln. Gesetze und Steuersysteme sollten nicht den Shareholder-Value belohnen, sondern den Nutzen für die Gesellschaft. Dafür brauchen wir eine Demokratisierung auf allen Ebenen: auf lokaler, globaler, aber auch auf betrieblicher Ebene.

Sie wollen, dass die Mitarbeiter eines Betriebs über die Unternehmensziele abstimmen?

Durchaus. In Argentinien haben die Belegschaften Unternehmen übernommen, die von ihren Eigentümern in der Wirtschaftskrise fallengelassen wurden – seither arbeiten sie viel effizienter und produktiver.

Ihr neues Buch hat den Titel „Uns gehört die Welt“. Gehört sie wirklich uns?

Ökonomisch gesehen gehört sie den Reichen und Konzernen. Doch es ist immer noch unsere Welt. Und jeder sollte seinen Einfluss nutzen, um für eine gerechtere Weltordnung einzutreten. Wir müssen Räume schaffen, die nicht von der kapitalistisischen Profit-Logik dominiert sind.



jetzt.de: Zum Beispiel Aktiv werden

jetztde Klaus Werner-Lobos Wirtschaftskolumne auf jetzt.de

Vor einigen Wochen habe ich vier Vorschläge gemacht, was jeder ganz persönlich tun kann. Die letzte Folge dieser Kolumne soll nun ein paar konkrete Beispiele für Aktionen zeigen – als Anregung und zur Ermutigung für eigene Ideen:

In vielen Städten veranstalten junge Menschen so genannte Globalisierte Stadtführungen: Mit der gemeinsamen „Besichtigung“ von H&M, McDonald’s und anderen Läden klären sie zum Beispiel Schulklassen vor Ort über ökologische und soziale Missstände in den Produktionsketten der großen Markenfirmen, aber auch über Alternativen wie den Fairen Handel auf. Sie informieren dort mitten im Geschäft über das, was nicht auf den Etiketten steht: Kinderarbeit, Niedrigstlöhne und andere Formen globaler Ausbeutung. In England gibt es eine Gruppe junger Menschen, die den Spaß noch weiter treibt: Sie pilgern in die großen Shoppingcenter und knien inbrünstig betend vor den dort angebotenen Markenartikeln nieder. Damit wollen sie auf satirische Weise öffentlich machen, wie sehr sich diese Einkaufstempel längst zu den Heiligtümern der modernen Konsumgesellschaft hochstilisiert haben.

Eine meiner Lieblingsaktionen fand statt, nachdem ich mit einer Gruppe Jugendlicher im Saarland einen Workshop gehalten hatte. Ich hatte ihnen von westafrikanischen Kindersklaven in der Kakaoernte für Firmen wie Kraft, Nestlé und andere erzählt. Die Kids waren stinksauer. Und sie wollten was tun. So entstand die Idee, KonsumentInnen über die Zustände in Afrika zu informieren. Wir kauften Klebeetiketten, auf die wir folgenden Text druckten: (weiterlesen…)



Salzburger Nachrichten: Hofnarr der Globalisierung

Konzernkritik. Der Salzburger Klaus Werner-Lobo übt profunde Kritik an Missständen der Globalisierung. Als Buchautor und Clown.

Von Helmut Kretzl, Salzburger Nachrichten vom 6.6.2009

Klaus Werner-Lobo zeigt im Buch „Uns gehört die Welt“ schonungslos die Praktiken von Großkonzernen auf. Kernaussage: Multis steigern ihre Gewinne dank Globalisierung in ungeahnte Höhen, während Demokratie, Umwelt und Menschenrechte auf der Strecke bleiben. Er zeigt, wie Konzerne mit autoritären Regimes zusammenarbeiten und welche Rolle Kinderarbeit spielt.

Hat Sie der Ausbruch der Krise überrascht?

Werner-Lobo: Von mir und meinen Freunden hat sich niemand gewundert, wir waren nur überrascht, dass sich alle darüber wundern. Das war noch lang nicht alles. Denn es gibt keine wie immer geartete Kehrtwende, der Shareholder-Value und die systematische Profitgier sind nach wie vor politischer Mainstream. Die Finanzkrise ist erst der Anfang einer großen Wirtschaftskrise, wenn wir nicht endlich einen radikalen Wechsel hin zu solidarischen und ökologischen Wirtschaftsformen schaffen.

Was ist schuld an der Krise?

Werner-Lobo: Dass die neoliberale Wirtschaftspolitik das Profitstreben und den Shareholder-Value als oberstes Wirtschaftsziel belohnt, also durch Deregulierung, Liberalisierung und Privatisierung den Anspruch aufgegeben hat, die Gesellschaften und die Umwelt vor egomanischen Partikularinteressen zu schützen. Das gilt ja weiterhin: Es gibt keine Anzeichen, dass etwa Steueroasen geschlossen, Vermögen und hohe Einkommen angemessen besteuert oder globale Arbeits-, Umwelt- und Menschenrechte gesetzlich geregelt würden.

Sind die beschlossenen Maßnahmen eine adäquate Antwort auf die Probleme?

Werner-Lobo: Nicht im geringsten. (weiterlesen…)



jetzt.de: Zum Beispiel Rinderzucht - Kühe, die subventionierten Klimakiller

jetztde Klaus Werner-Lobos Wirtschaftskolumne auf jetzt.de

Was haben Adidas, Aldi, BMW, Carrefour, Clarks, Gucci, Honda, IKEA, Lidl, Makro, Nike, Reebok und Timberland mit Kühen zu tun? Und was mit dem Klimawandel? Sie alle wurden diese Woche von Greenpeace beschuldigt, zu einem erheblichen Teil mitschuld an der Abholzung brasilianischer Regenwälder zu sein.

Der Grund: Sie alle profitieren in der einen oder anderen Form von der Viehzucht im Amazonasgebiet. Und die ist, so Greenpeace, einer der größten Klimakiller der Welt. Vor allem, weil dafür – meist illegal – Tropenwälder für Weideflächen gerodet werden. Bis vor kurzem war es vor allem McDonald’s, der als weltgrößter Fleischverbraucher zuerst wegen der Rinderzucht und später wegen der Futtermittelgewinnung für Rinder in Form von Sojaplantagen für die Abholzungen verantwortlich gemacht wurde. Durch öffentlichen Druck konnte Greenpeace die Fastfoodkette dazu zwingen, wenigstens in den ökologisch sensibelsten Gebieten auf Rodungen zu verzichten.

Aldi, Lidl und Makro hingegen verkaufen laut Greenpeace noch immer Fleisch von illegalen Farmen im Amazonasgebiet. Und der Rest der genannten Firmen profitiere vom Leder der dort gezüchteten Tiere, so die Umwelschützer in ihrem aktuellen Bericht Slaughtering the Amazon. Das werde nämlich zum Großteil nach China, Italien und Vietnam. Und dort lassen die großen Marken dann auch für den europäischen Markt produzieren. (weiterlesen…)



Greenpeace: Europäische Leder-Industrie profitiert von Urwaldzerstörung

via Greenpeace:

Unternehmen wie Adidas, Nike, Timberland, Clarks, Carrefour, Honda, Gucci oder IKEA profitieren von günstigem Leder aus Regionen in Brasilien, wo für extensive Rinderzucht der Urwald zerstört wird. Das ist das Ergebnis eines umfassenden Reports, den die Umweltorganisation Greenpeace zu Beginn der zweiwöchigen UN-Klimaverhandlungen in Bonn veröffentlicht hat.

So werden etwa achtzig Prozent der abgeholzten Urwaldfläche in Amazonien als Weideland für die Rinderzucht verwendet. Während das Rindfleisch überwiegend in Südamerika selbst konsumiert wird, exportiert man das Leder nach China, Italien und Vietnam. Und dort lassen die großen Schuhfirmen dann auch für den europäischen Markt produzieren.

“Wer den Urwald in Brasilien zerstört, schädigt das Klima auf der gesamten Welt“, ruft Greenpeace-Klimasprecher Niklas Schinerl in Erinnerung „Und gerade wir Europäer sollten uns die globalen Auswirkungen unseres oftmals unreflektierten Konsumverhaltens bewusst machen”, mahnt der Experte ein. “Ob beliebte Sportschuhe, unkomplizierte Fertiggerichte oder modische Handtaschen: Viele der großen Hersteller sind noch immer nicht bereit, Verantwortung in Sachen Klimaschutz zu übernehmen und damit auch der Urwaldzerstörung eine Absage zu erteilen“, kritisiert Schinerl.

Die Rinderzucht in Brasilien wächst rasant: In der vergangenen Dekade hat sich der brasilianische Rindfleisch-Export versechsfacht. Ermöglicht wird dieses Wachstum durch die geringen Kosten für Weideland, das durch die Abholzung und Brandrodung des Klima schützenden Urwaldes gewonnen wird. Schon jetzt ist Brasilien – nach China, den USA und Indonesien - der viertgrößte Treibhausgas-Emittent der Welt, und etwa drei Viertel aller brasilianischen Emissionen stammen aus der Zerstörung des Regenwaldes. Bis zum Sommer letzten Jahres wurden bereits 74 Millionen Hektar der Urwälder komplett vernichtet  - was fast einem Fünftel ihrer ursprünglichen Fläche entspricht.

Deshalb fordert Greenpeace die Industrienationen auf, einen internationalen Urwald-Fonds einzurichten, der Regenwald-Anrainern wie Brasilien ausreichend Geld für den Schutz ihrer Wälder und damit auch des globalen Klimas bietet. Insgesamt sollten die Industrieländer an die 120 Milliarden Euro jährlich für den Kampf gegen den Klimawandel bereit stellen, wobei allein dreißig Milliarden davon jedes Jahr für den Schutz der Regenwälder aufzubringen wären.



Salzburger Nachrichten: “Den Kindern die Welt!”

Von Anton Thuswaldner, Salzburger Nachrichten vom 30.5.2009

H & M, Adidas, Aldi . . . Marie ist erschrocken, als sie lesen musste, dass diese großen Firmen und viele andere ihre Profite dank Kinderarbeit machen oder tolerieren, dass in den Zulieferbetrieben der Dritten Welt Hungerlöhne gezahlt werden. Max stimmt ihr zu und wirft der Politik vor, dass sie den großen Konzernen viel zu viel Macht zugesteht. Die Manager in den Konzernen drohten, in ein Billiglohnland abzuwandern, wenn die Mindestlöhne erhöht würden, und schon würden sich die Politiker ruhig verhalten. Außerdem stört ihn, dass sich Konzerne in Afrika oder Asien nicht um die Umwelt kümmern. Matthias kann nicht länger verdrängen, dass alle drei Sekunden ein Kind stirbt. Dagegen könnte man etwas unternehmen, wenn wir die Augen nicht deshalb schließen würden, weil wir gern unbehelligt lebten. Die sechs Jungkritiker, die das Buch „Uns gehört die Welt“ von Klaus Werner-Lobo (Hanser Verlag) gelesen haben, sind empört über den Zustand der Welt, den die Erwachsenen zu verantworten haben. Der Begriff „Globalisierung“ leuchtet Josef plötzlich ein: „Das bedeutet, dass an verschiedenen Orten der Welt ein Produkt zusammengestellt wird.“ Sinnvoll ist das nicht. „Unsere Tomaten werden in Holland gepflückt und in Marokko gewaschen“, schreibt Lobo, „unsere Jeans aus indischer Baumwolle werden in China genäht und von einer US-Firma verkauft.“

Max war lange Zeit beeindruckt von Bill Gates, weil er sich um die Gesundheit der Ärmsten sorgt. Jetzt denkt er anders. Gates verfügt über so viel Geld, wie die Einwohner der 50 ärmsten Länder zusammen in einem Jahr verdienen. Seine Stiftung förderte in Nigeria ein Impfprogramm gegen Kinderlähmung und Masern mit 167 Millionen Euro. Mit der gleichen Summe ist die Stiftung an Ölkonzernen beteiligt, die in Nigeria die Umwelt zerstören. Werner-Lobo: „Dieselben Kinder, die dank der Gates-Stiftung gegen Masern geimpft werden, erleiden dadurch schwerste Atemwegserkrankungen.“

Was können Kinder tun gegen die katastrophalen Zustände? Marie findet, dass man sich gegen die Mächtigen zusammenschließen muss. Es reiche nicht, wenn sich eine Klasse für fairen Handel stark mache, „viele Schulen müssen sich miteinander verbünden“. Magdalena traut den Menschen nicht. Sie glaubt, dass die Meisten viel zu träge sind, als dass sie ihr Einkaufsverhalten ändern würden: „Wir wissen, wo das Billabong-Zeug herkommt, aber es ist cool.“ Marie stimmt ihr zu: „Wir sind leider gewohnt, zu kaufen, was cool ist.“

Constantin ist sich sicher, dass Klaus Werner-Lobo ein wichtiges Buch geschrieben hat, dass möglichst viele Jugendliche lesen sollten. Aber Josef fürchtet, dass viele Jugendliche das Buch zwar verstehen würden, es aber nicht lesen wollen.

Die Jugendlichen haben begriffen, worauf es ankommt. Haben sie ihr Leben nach ihren Erkenntnissen ausgerichtet? Werfen wir einen Blick auf die Kleidung: Constantins T-Shirt stammte aus Pakistan, Maries Jacke aus Marokko, Maxens Hemd aus China und Josefs Pulli aus Bangladesh.

Jugendliche ab 13 oder 14 müssten das Buch verstehen, meinten die Jungkritiker. Hatten sie gar nichts einzuwenden gegen das Buch? „Ein Lexikon für schwierige Wörter im Anhang wäre sehr nützlich“, fand Marie. Es kann ja nicht erwartet werden, dass sich jugendliche Leser die Begriffe der Wirtschaft schon angeeignet haben.



jetzt.de: Zum Beispiel das gute Image der Konzerne - und wie leicht es leidet

jetztde Klaus Werner-Lobos Wirtschaftskolumne auf jetzt.de

Es war keine gute Woche für Shell: Ein US-amerikanisches Gericht will nun endlich die Mitschuld des Ölkonzerns am Tod des nigerianischen Menschenrechtsaktivisten Ken Saro-Wiwa prüfen. Egal wie der Prozess ausgeht: Er ist eine Gelegenheit, alle Welt an die schmutzigen Geschäfte mit korrupten Diktatoren zu erinnern. Auch Adidas trug diese Woche ein paar Imagekratzer davon. Das deutsche Unternehmen kam nicht nur wieder mal wegen ausbeuterischer Arbeitsverhältnisse in asiatischen Zulieferbetrieben ins Gerede, sondern ausgerechnet wegen einer Party in einer Nazi-Villa in Rio de Janeiro. Schön blöd.

Und auch IKEA kriegte dieser Tage ein Imageproblem. Deren Österreich-Sprecherin Barbara Riedl hat die Mailbox gestrichen voll. Und die Schnauze offenbar auch. „Ich kann mich vor E-Mails kaum erwehren. Wir kommen da völlig unschuldig zum Handkuss“, beschwert sie sich mir gegenüber am Telefon. Hunderte Protestmails haben ihr Postfach zum Überlaufen gebracht. Beschert haben ihr das die AktivistInnen der „Clean Clothes Kampagne“, die dann zu allem Überfluss noch bemängelten, dass Ikea nicht auf die Proteste reagiere – dabei hatten die doch selbst das Mailsystem lahmgelegt. (weiterlesen…)



taz: Adidas feiert in Nazi-Villa

Feiern zwischen Hakenkreuzen

Der deutsche Sportartikelkonzern lud im brasilianischen Rio de Janeiro zu einer Party in eine mit Nazi-Memorabilia geschmückte Villa. Ein Fest mit Folgen.

VON KLAUS WERNER-LOBO für die taz; Fotos: João Paulo Cuenca

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Bayern München, die deutsche Fussball-Nationalelf und sogar Kubas greiser Führer Fidel Castro schwören auf Adidas, die Marke mit den drei Streifen. Dieses Jahr wird der Weltkonzern aus dem bayrischen Herzogenaurach 60 Jahre alt. Das will gefeiert werden: Rund um den Globus lädt das Unternehmen ausgewählte Gäste - darunter etwa Missy Elliott und David Beckham - zu exklusiven “Adidas House Partys”.adidas3

Vergangen Freitag feierte man in Rio de Janeiro. In einer mondänen Privatvilla im Reichenviertel Gávea konnten sich rund 400 geladene Gäste - darunter auch der Sohn des Tropicalismo-Stars Caetano Veloso, Zeca Veloso - zu Livemusik und DJs vergnügen. Oder ein Bad im Pool nehmen - mitten unter blauen und weißen Luftballons mit dem Adidas-Logo. Die Fliesen, die das Schwimmbecken umrandeten, wurden von einem anderen Symbol geziert: dem Hakenkreuz.

Aufgefallen war das im Party-Trubel nur wenigen - wie dem Schriftsteller João Paulo Cuenca, dem auch das Bild eines Adlers mit dem Schriftzug “Hamburg Kriegsmarine” hinter der Bar ins Auge stach. Die Kriegsmarine, das waren die Seestreitkräfte der Nazis. Als der Autor in der Umkleidekabine der Musiker auch noch das Portrait eines Marineoffiziers samt Reichsadler mit Hakenkreuz entdeckte, verließen er und weitere Künstler das Fest. Das Bild hat große Ähnlichkeiten mit Großadmiral Karl Dönitz, den Hitler zu Kriegsende testamentarisch als Staatsoberhaupt des Deutschen Reiches und  Oberbefehlshaber der Wehrmacht einsetzte.

adidas2Noch in der selben Nacht schrieb Cuenca seine Beobachtungen in einem Blogeintrag auf der Seite der brasilianischen Tageszeitung “O Globo” nieder. Die Nachricht schlug in Brasilien innerhalb weniger Stunden hohe Wellen - vor allem mithilfe von Facebook und des Kurznachrichtendienstes Twitter. Adidas wies in einer eiligen Erklärung die Verantwortung für die Auswahl der Nazivilla von sich. Die Location sei von einer Agentur gemietet worden, die in der Dekoration keine Verbindung zum Nationalsozialismus erkannt habe.

Auch der Hausbesitzer, der Anwalt Luiz Fernando Penna, verteidigt sich: Er sei Sammler. “Eines Tages kam hier ein Typ vorbei, der zwei Schilder verkaufte: Eins mit der Inschrift der deutschen Marine und vier kleinen Hakenkreuzchen in den Ecken und ein anderes mit Hammer und Sichel. Drollig, dass sich niemand über das kommunistische Schild beschwert hat.” In den Symbolen am Pool will er keine Hakenkreuze, sondern ein griechisches Ornament erkennen.

Als Präsident der Nachbarschaftsvereinigung setzt sich Penna vor allem für eine Geburtenkontrolle in den Armenvierteln ein - und dafür, zum Schutze wohlhabender Anwohner eine Mauer rund um die angrenzenden Favelas zu ziehen. 500 Meter stehen bereits.

adidas4Am Montag kündigte die israelitische Föderation in Rio die Prüfung einer Klage an. In Brasilien stehen auf die Verwendung des Hakenkreuzes zu Propagandazwecken zwei bis fünf Jahre Gefängnis. Erst vor wenigen Tagen beschlagnahmte die Polizei in Südbrasilien massenhaft Propagandamaterial und Waffen einer neonazistischen Gruppierung. Süffisant weisen brasilianische Blogger aber auch auf die Vergangenheit des deutschen Multis hin: Die Gebrüder Adi und Rudolf Dassler, die späteren Gründer von Adidas und Puma, waren nicht nur bekennende Nationalsozialisten, sie produzierten für die Wehrmacht auch den “Panzerschreck”, eine von den Allierten als “Tank Terror” gefürchtete Panzerabwehrwaffe.

Nach immer wiederkehrenden Vorwürfen von Kinderarbeit und ausbeuterischen Arbeitsverhältnissen in asiatischen Zulieferbetrieben hat Adidas nun erneut ein Imageproblem. Rund 13 Prozent des Umsatzes gibt der Konzern nach eigenen Angaben jährlich für Werbung aus - das entspräche circa 1,4 Milliarden Euro. Dass die Adidas House Party in Rio keine gute Investition war, zeichnet sich jetzt schon ab.



Schwere Vorwürfe gegen Ikea - Take Action!

via Clean Clothes Kampagne:

IKEA lässt Bettwäsche in der Türkei produzieren. Vier Menschen sind bereits bei arbeitsbedingten Unfällen im türkischen Zulieferbetrieb ums Leben gekommen. Gewerkschaftsaktivitäten werden unterbunden.
NA DANN GUTE NACHT!

“Wie man sich bettet, so schläft man.” heißt ein Sprichwort. Sagen Sie IKEA, dass IKEA-Bettwäsche unter fairen Bedingungen produziert werden soll.

Billig, praktisch, modern!
Wer von uns hat nicht schon einen Samstagnachmittag bei IKEA verbracht. Junges Design zu günstigen Preisen. Hier sind alle gleich, hier dutzen wir uns. Und nach dem Billig-Shopping-Vergnügen noch ein Paar Frankfurter.
Am anderen Ende der Produktionskette von IKEA bleibt die Idylle jedoch nicht bestehen. In den letzten Jahren starben vier ArbeiterInnen bei arbeitsbedingten Unfällen in der Menderes-Fabrik in der Südost-Türkei. Hier lässt IKEA Bettwäsche produzieren. Na dann Gute Nacht!

Am 20. November 2008 verunglückte ein Arbeiter tödlich, als er in den Lüftungsschacht eines Kohleheizers fiel. ArbeitskollegInnen berichten: „Der Unfall hätte verhindert werden können – wenn die vorgeschriebenen Sicherheitsmaßnahmen eingehalten worden wären.“ Doch damit nicht genug: Die Geschäftsführung von Menderes Tekstil wies drei Arbeitskollegen daraufhin an, den Körper des Unfallopfers aus dem Schacht zu holen - ohne jegliche Sicherheitsvorkehrungen. Die drei erlitten Vergiftungen und mussten sofort ins Krankenhaus eingeliefert werden.

Bereits im März 2008 schlossen sich ArbeiterInnen der türkischen Textilgewerkschaft TEKSIF an: sie wollten sich gegen die schlechten Arbeitsbedingungen wehren. Die Menderes-Geschäftsführung griff jedoch zu – leider üblichen - Methoden: sie drohte den GewerkschafterInnen mit Versetzungen und Entlassungen. Nicht nur moralisch, sondern auch juristisch gesehen kriminell: in der Türkei ist gewerkschaftliches Organisieren erlaubt und Drohungen gegen Gewerkschaftsmitglieder strafbar. Doch der IKEA-Zulieferbetrieb ließ weitere Taten sprechen. Zahlreiche Gewerkschaftsmitglieder, die der Gewerkschaft treu blieben, verloren ihre Arbeit. Sie legten Beschwerden beim türkischen Arbeitsgericht ein – daraufhin entließ die Menderes-Geschäftsführung deren Familienangehörigen.

190 Tage Demonstration
In Österreich gilt es bereits als Erfolg, wenn an einem Tag im Mai Menschen für ihre Arbeitsrechte auf die Straße gehen. In der Türkei demonstrierten die ArbeiterInnen der Menderes-Textil-Fabrik ganze 190 Tage lang vor ihrem (teils ehemaligen) Arbeitsplatz: in der brütenden August-Sonne letzten Jahres. Sie forderten die Anerkennung der Gewerkschaft und Verhandlungen mit der Fabriksleitung. Die Geschäftsführung von Menderes-Tekstil weigerte sich. Ihre Taktik setzt weiterhin auf Diskriminierung der GewerkschafterInnen.

“Wie man sich bettet, so schläft man.” heißt ein Sprichwort. Sagen Sie IKEA, dass IKEA-Bettwäsche unter fairen Bedingungen produziert werden soll.

Die Fabrik, die in Denzil im Südosten des Landes liegt, stellt Bettwäsche für den heimischen Markt und den Export her. Neben IKEA kaufen auch deutsche Firmen wie das Versandhaus Otto, die Textilunternehmen Ibena und Horizonte Textil ein. Internationale „Global Players“ wie die französische Kette Carrefour sowie die amerikanischen Unternehmen Wal-Mart, Target und Kohls tätigen dort genauso Textileinkäufe.

Katz und Maus-Spiel
Acht illegal entlassene ArbeiterInnen haben Ihren Fall bereits vor das türkische Arbeitsgericht gebracht. Ergebnisse können sich jedoch über Jahre hinauszögern. Die Mühlen der Justiz mahlen langsam.

Vogel Strauss-Taktik
IKEA weiß von den Vorfällen seit Monaten, steckt seinen Kopf jedoch in den Sand und verleugnet die Probleme. Eine Untersuchung, die IKEA in Auftrag gegeben hat, ergab, dass bei Menderes keine systematischen Arbeitsrechtverletzungen vorliegen; allerdings hat IKEA den Bericht bisher nicht veröffentlicht. Die Clean Clotheas Kampagne zweifelt an der Glaubwürdigkeit dieser Untersuchung und fordert IKEA auf, gegen die Gewerkschaftsdiskriminierung vorzugehen. Die Situation bei Menderes verstößt eindeutig gegen IWAY, den Verhaltenskodex von IKEA. Die Clean Clothes Kampagne und internationale Gewerkschaften haben sich viele Male mit IKEA an einen Tisch gesetzt, um eine Lösung unter Ausschluss der Öffentlichkeit zu finden. Bisher jedoch hat IKEA nicht angemessen reagiert.

We want You!
Nun sind KonsumentInnen sowie KritikerInnen von IKEA gefragt!
Fordern Sie zusammen mit der Clean Clothes Kampagne IKEA auf, die Missstände in seinem Zulieferbetrieb Menderes zu bereinigen. Dafür sind Gespräche mit der Gewerkschaft der erste Schritt.

“Wie man sich bettet, so schläft man.” heißt ein Sprichwort. Sagen Sie IKEA, dass IKEA-Bettwäsche unter fairen Bedingungen produziert werden soll.

Schreiben Sie heute an IKEA, um die Anerkennung der Gewerkschaft und die Wiedereinstellung der GewerkschafterInnen bei ihrem Zulieferbetrieb zu fordern.

Die Clean Clothes Kampagne und die türkische Gewerkschaft TEKSIF fordern die Menderes Tekstil Geschäftsführung sowie IKEA auf,

•    die GewerkschafterInnen mit angemessenen Entschädigungszahlungen wiedereinzustellen, die aufgrund ihrer Gewerkschaftsaktivitäten entlassen worden waren und bei Gericht Beschwerden eingereicht haben;
•    TEKSIF als Gewerkschaft und als Vertretung ihrer Mitglieder in allen Fabriksangelegenheiten anzuerkennen sowie allen ArbeiterInnen das Recht zuzusichern, sich gewerkschaftlich zu organisieren und Tarifverträge auszuhandeln;
•    TEKSIF als ArbeitnehmerInnenvertretung in die Umstrukturierungspläne des Unternehmens und bei der Festlegung von Kriterien für betriebsbedingte Kündigungen einzubeziehen;
•    die Gesundheits- und Sicherheitsstandards in den Fabriken sowie Beschwerdeverfahren zu überprüfen.

“Wie man sich bettet, so schläft man.” heißt ein Sprichwort. Sagen Sie IKEA, dass IKEA-Bettwäsche unter fairen Bedingungen produziert werden soll.