Medien Monitor: Bei den Rohstoffrebellen

Medien Monitor, 16.3.09:

Eine Kalaschnikow zielt auf seine Brust. Ein Kindersoldat auf Drogen will Geld von ihm sehen, am liebsten 100 Dollar. Sein gesamtes Geld: alles in der Bauchtasche. Aber hier, mitten im Kongo, braucht er das Geld zum Überleben. Er ist auf sich allein gestellt. Angefangen hatte alles mit einer erfundenen E-Mail-Adresse.

Klaus Werner-Lobo interessiert sich nicht nur für die Geschichten vor seiner Haustür, der Journalist hat das Weltgeschehen im Blick. Globalisierung, Kriege, Unmenschlichkeit, das sind seine Themen. Schon seit Jahren beobachtet er den Kongo-Krieg, der seit dem Beginn im Jahr 1996 über fünf Millionen Todesopfer gefordert hat. Es ist wohl der schlimmste Krieg seit dem Zweiten Weltkrieg. Klaus Werner-Lobo beobachtet, was passiert und kommt dabei auf eine heiße Spur.

Er liest in einem Bericht der Vereinten Nationen, dass der eigentliche Hauptgrund für den Krieg der Kampf um einen Rohstoff ist: Coltan, ein Roherz, aus dem das Spezialmetall Tantal gewonnen wird. Tantal wird bei der Handyproduktion benötigt und damit auch von großen Firmen, die das Material verarbeiten. Klaus Werner-Lobo will wissen, wer das Tantal kauft. Denn wer das tut, finanziert die Rebellen, die im Besitz der Erzminen sind. Der Käufer finanziert damit auch die Waffen, mit denen um die Coltan-Mienen gekämpft wird. Diese Firma würde den Kongo-Krieg finanzieren. Aus einer anderen Quelle erfährt Werner-Lobo, dass der Hauptabnehmer des Tantals die H.C. Starck sei, eine Tochterfirma der Bayer AG aus Deutschland.

Für seine Recherchen legt er sich eine neue Identität zu

Dafür will der Journalist eine Bestätigung. “Wo kann man sich am einfachsten eine neue Identität zulegen?”, fragt Werner-Lobo rhetorisch. In der Zeit vor der großen Flut von Spam-Mails legt er sich einfach eine E-Mail-Adresse an, gibt sich als Rohstoffhändler aus und schreibt große Firmen in ganz Europa an, die theoretisch an Tantal interessiert sein könnten. Als Absender der Angebots-Mails wird Klaus Werner-Lobo zu Robert Mbaye Leman. “Das klang irgendwie cool und ein bisschen afrikanisch”, sagt Werner-Lobo über seine Rolle, “das war eine sehr realistische Legende.”

Klaus Werner-Lobo alias Robert Mbaye Leman verspricht, er könne das Tantal zu einem besonders günstigen Preis besorgen. Er bekommt sofort Rückmeldungen – unter anderem auch von der Bayer AG. Ein Bayer-Angestellter möchte gerne eine Stoffanalyse haben, um die Qualität zu überprüfen. Nach dieser ersten Antwort bricht jedoch der Schriftverkehr ab. Klaus Werner-Lobo muss neu ansetzen und schreibt an andere Unterhändler, wieder macht er Angebote. Von diesen Firmen melden sich gleich mehrere zurück und sind sehr interessiert. Doch bevor er verkaufe, müsse er wissen, an welche Firmen das Tantal später weiterverkauft wird, sagt er den Händlern. Diese geben sich zunächst bedeckt. Sie sind außerdem etwas skeptisch, weil der Preis weit unter Weltmarktpreis liegt. Dem Undercover-Journalisten fällt auf, dass er bei der Angabe Pfund mit Kilo verwechselt hat, also doppelt so viel Tantal zum üblichen Preis angeboten hat.

Die Rebellen lassen ihn als ersten frei passieren

“Jetzt dachte ich, alles sei vorbei”, sagt der Österreicher. Doch selbst dieser Fehler wirft ihn nicht zurück, sondern bringt ihn sogar noch voran: Klaus Werner-Lobo sagt einfach, dass er eng mit den Rebellen zusammenarbeitet und dafür einen Teil des Tantals selber vermarkten darf, natürlich günstiger. Einige Händler glauben ihm sofort, nach dem Motto: “Ach, die Rebellen-Führerin kennen wir gut, mit der haben wir auch schon öfters zusammen gearbeitet. Dann ist alles klar!” Nach weiteren E-Mails erfährt Werner-Lobo schlussendlich auch, an wen das Metall weiter verkauft wird. Ein Unterhändler schreibt zunächst, dass es ein sehr großer BUYER in Europa sei. Ein fast unmissverständlicher Hinweis, aber vor Gericht vielleicht nicht haltbar. Schließlich sagt eine Händlerfirma noch direkt, dass das Tantal letztlich an die Bayer AG geht.

Doch Klaus Werner-Lobo will noch mehr wissen, will den gesamten Rohstoff-Handel verstehen. Er fährt persönlich in den Kongo. Denn er konnte zwar schon nachweisen, dass Bayer keine Skrupel hatte, das Material zu kaufen, aber nicht, dass sie dies auch schon jahrelang getan hatten. Also tastet sich Werner vor bis zu den Rebellen und erzählt ihnen, dass er als Journalist darüber berichten möchte, wie die Rebellen Schulen und Krankenhäuser bauen. Das stimmt natürlich hinten und vorne nicht, aber die Rebellen stimmt es milde. Sie lassen ihn als ersten deutschsprachigen Journalisten frei passieren. Allerdings bringt eine offizielle Erlaubnis wenig, wenn ein Kindersoldat auf Drogen vor einem steht.

“’Hast du 100 Dollar?’, fragte er mich, als er mit dem Gewehr auf mich zielte – ich sagte, dass ich nichts habe. Dann wollte er 10 Dollar. Aber ich sagte, dass ich wirklich nichts habe. Dann fragte er: ‚Hast du Zigaretten?’ Und die hatte ich zum Glück.” Nachdem die Zigaretten verteilt waren, konnte Klaus Werner-Lobo weiter ziehen. “Eines Abends holt mich ein Auto vom Hotel ab. Im Schutz der Dunkelheit fahren wir an einen geheimen Ort”, schreibt er in seinem Buch. Dort erfährt er endlich das Wichtigste: Den Namen eines deutschen Geschäftsmanns, er sei der wichtigste private Händler des Tantals. Am nächsten Tag fliegt Werner-Lobo nach Berlin. In Deutschland recherchiert er den Namen und setzt sich mit dem Geschäftsmann in Verbindung. Der gibt bereitwillig Auskunft: Er liefere 100 bis 150 Tonnen Tantal pro Monat an die H.C. Starck, die bereits in der ersten Recherche auftauchende Tochterfirma von Bayer. Der Handel würde schon seit sechs oder sieben Jahren so laufen.

Die Unternehmen reden sich raus

Als Klaus Werner-Lobo seine Ergebnisse das erste Mal veröffentlicht, winkt Bayer ab, mit für Menschenrechtsverletzungen verantwortlich zu sein. Der Konzern sagt, dass mit dem Erwerb des Rohstoffs die dortige Bevölkerung unterstützt werde. “Zynischer kann man nicht sein”, schreibt Werner-Lobo dazu in seinem Buch “Uns gehört die Welt!”. Im Januar 2007 verkaufte Bayer seine Tochterfirma H.C. Starck an amerikanische Finanzinvestoren. Und der Krieg um den Rohstoff geht weiter, die Menschen im Kongo müssen immer noch leiden.

Text: Katharina Kruppa

Weitere Beiträge zum Thema:

Schreibe einen Kommentar