Falter: “Jenseits von Gut und Schlecht”

Robert Misik hat das Buch für die Wiener Stadtzeitung Falter rezensiert. Der kritisierte Vergleich BIP/Umsatz stammt übrigens ursprünglich vom angesehenen Washingtoner Institut für Politikstudien und wurde von mir nur aktualisiert.

Die Welt ist schlecht. Wir wussten das schon. Klaus Werner-Lobo, der Wiener Autor und Globalisierungskritiker, erinnert uns wieder einmal daran. Dabei erfahren wir viel Bekanntes, aber auch neue verstörende Details. So mokiert er sich darüber, dass Bill Gates, einer der reichsten Männer der Welt, und Warren Buffet, der reichste Mann der Welt, gefeiert werden, weil sie so viel Gutes tun. Schließlich haben sie ihr Vermögen in eine Stiftung eingebracht, die Hunger, Unterentwicklung und Massensterben in der Dritten Welt bekämpft.  Tatsächlich fließen nur die Gewinne der Stiftung in Hilfsprojekte. Diese Gewinne werden aber mit klassischen Investitionen erzielt. So ist das Stiftungskapital beispielsweise in Aktien von Pharmafirmen investiert, die ihre Patente aggressiv verteidigen – die Stiftungsgewinne werden für medizinische Projekte, etwa zur Aidsbekämpfung in Afrika, verwendet. Das Stiftungskapital ist also in „Konzerne investiert, die viele der Probleme, die die Stiftung lösen will, in Wahrheit verschlimmern“.

Klaus Werner-Lobo, der mit seinem „Schwarzbuch Markenfirmen“ bereits einen Bestseller landete, zeigt uns abermals: Wenn wir uns Klamotten kaufen, wenn wir unser Auto volltanken, uns ein neues Handy zulegen, unser Geld zur Bank tragen oder in eine Banane beißen – wir machen uns mitschuldig an Ausbeutung, Kinderarbeit, wir finanzieren Bürgerkriege.

Die Besprechung eines solchen Buches hat immer etwas leicht Unangemessenes. Was Klaus Werner-Lobo anklagt, ist tatsächlich skandalös. Andererseits: Das meiste hat man schon einmal gehört. Ein wenig vereinfacht ist seine Darstellung schon. Die lässt sich in etwa so zusammenfassen: Die großen Konzerne und Multis haben die Welt geklaut. Und das hat auf alle negative Auswirkungen. Die Globalisierung führt dazu, dass in der Ersten Welt die Jobs verlorengehen und in den Sweat-Shops der Dritten Welt die Menschen zu Hungerlöhnen arbeiten müssen.

Ganz so einfach ist die Sache natürlich nicht, aber Werner-Lobos’ Buch ist auch kein ökonomisches Sachbuch und der Autor auch kein Professor. Er ist ein Aktivist und ein Vortragskünstler. Der Hanser-Verlag hat sein Buch mit dem „Jugendbuch“-Mascherl versehen, was den Autor nicht freut, aber es ist schon recht so: Sollten Sie Kinder, Nichten oder Neffen haben, die so 13, 14 oder 15 Jahre alt sind: Kaufen Sie ihnen dieses Buch.

Natürlich könnte man gegen die empörenden Fakten, die Werner-Lobo präsentiert, den einen oder anderen Einwand formulieren. So zeigt auch er die erschütternde Rangliste der Top 100 der „größten Wirtschaftsmächte“, auf der sich beinahe so viele Staaten finden wie Konzerne. Die Botschaft: Wal-Mart kann Österreich an die Wand spielen. Freilich: Das Bruttoinlandsprodukt von Staaten ist eine völlig ­andere ­Referenzgröße als der Umsatz von Firmen. Das BIP misst alle Reichtümer, die ein Land produziert. Eine Firma dagegen, die Rohstoffe und Basisprodukte um 99 Dollar einkauft, sie weiterverarbeitet und um 100 Dollar weiterverkauft, hat einen hohen Umsatz, muss aber nicht sonderlich reich sein.

Genug der Mäkelei: Klaus Werner-Lobo referiert genügend empörende Ungerechtigkeiten, und er zeigt oft sehr anschaulich, wie sie zustandekommen. Weiterlesen…

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Ein Kommentar
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  1. Hier eine kurze Replik auf die Rezension, die ich soeben auch an Robert Misik geschickt habe:

    Danke für die ehrenvolle Bezeichnung als “Polit-Clown”, als der ich mich in der Tradition von Hofnarren wie Charlie Chaplin oder Leo Bassi gerne sehe. Dennoch: Die Welt ist gar nicht so schlecht, wie mir unterstellt wird, in “Uns gehört die Welt!” zu behaupten. Zumindest dann nicht, wenn wir sie mitgestalten und mitreden, wozu das Buch seine Leser ermächtigen will. Wenn sich laut UNO die Hälfte der Menschheit ein Prozent der Weltvermögen teilen und von weniger als zwei Euro am Tag leben muss, geht es nicht darum, sich “mitschuldig an Ausbeutung, Kinderarbeit” und der Finanzierung von Bürgerkriegen zu fühlen, sondern um Selbstvertrauen, Information, solidarisches Handeln und Zivilcourage gegen die herrschende “Geiz-ist-geil”-Ethik. Experten wie Robert Misik, die das meiste davon “schon einmal gehört” haben, würden sich wundern, wie viele Menschen von den Zusammenhängen zwischen globaler Wirtschaftspolitik und ihrem persönlichem Alltag – Arbeitslosigkeit, Migrationskonflikte, Diskriminierung etc. - noch nie gehört haben. Und vielleicht auch deswegen ihren Protest und ihre Hilflosigkeit an rechtspopulistische Parteien delegieren. Gerade deshalb sehe ich sprachliche “Vereinfachung” auch als aufklärerische Notwendigkeit gegen Demokratie- und Politikverdrossenheit nicht nur bei Jugendlichen. Der Vergleich zwischen Länder-BIPs und Konzernumsätzen stammt übrigens vom angesehenen Washingtoner Institute for Policy Studies und ist nur einer von vielen Indikatoren der Machtverhältnisse im Zeitalter von “mehr privat, weniger Staat”, das sich in diesen Tagen mehr denn je selbst diskreditiert.

    Herzliche Grüße, Klaus

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