Gut gemeint ist das Gegenteil von…

Vom 15. bis 28.09 2008 findet in Deutschland die Faire Woche (eigentlich ja zwei Wochen) statt. Unter dem Motto ”Doppelt gut! Bio im Fairen Handel” sind zahlreiche Veranstaltungen von Weltläden, Aktionsgruppen, Supermärkten, Kantinen und Einzelpersonen geplant - mit dem gemeinsamen Ziel, den Fairen Handel in Deutschland ins öffentliche Bewusstsein zu rücken.

Eine scheinbar gute Idee hatte in diesem Sinne der Weblogger Christoph Harrach von karmakonsum.de (laut taz eines der führenden Medien der LOHAS-Szene, sogar mit eigener Hymne):

Er rief zum Fair-Trade-Blogkarneval und erklärte sich selbst zum Fairtrade-Man: Er werde am 15.9. einen 14-tägigen Selbstversuch starten, ob er nur von fair gehandelten Lebensmitteln leben könne - mit täglichem Video.

Die Aktion, die an etwas aufwändigere Versuche wie Supersize Me oder Ein Jahr ohne “Made in China” erinnert, wurde von vielen Bloggern wohlwollend zitiert. Doch was bedeutet das eigentlich, sich nur mit Produkten zu ernähren, die das Fairtrade-Gütesiegel tragen?

Es heißt, so gut wie ausschließlich Waren zu konsumieren, die in ärmeren, weit entfernten Ländern angebaut werden. Früher nannte man diese Waren Kolonialwaren - eben weil sie aus den kolonialisierten Ländern Afrikas, Lateinamerikas und Asiens zu uns gelangten. Und auch wenn das Fairtade-Gütesiegel bessere soziale und arbeitsrechtliche Standards für die ProduzentInnen garantiert, ist es weder sozial noch ökologisch sinnvoll, den Menschen in diesen Ländern ihre Nahrungsmittel wegzunehmen und sie über tausende Kilometer in die reichen Länder zu transportieren. Wegnehmen? Ja, wegnehmen: Denn es ist - trotz Fairtrade und damit im regionalen Vergleich besseren Löhnen - letztendlich die Armut, die zum Export zwingt, was in den meisten Ländern wiederum die Hauptursache für Hunger ist.

Bananen, Kakao, Kaffee, Tee etc. aus dem zertifizierten Fairem Handel sind eben nur die bessere Alternative, als diese Produkte “konventionell”, also von profitorientierten Importeuren zu kaufen. Sich komplett mit Kolonialwaren zu ernähren dient zwar vielleicht dem ausgeprägten Lifestyle-Bedürfnis vieler “Lohas”, ist aber letztendlich - ja, kolonialistisch. Wer wirklich “gut” konsumieren möchte, sollte so regional und ökologisch wie möglich einkaufen. Auch das wäre einen “Selbstversuch” wert - und wirklich fairtrade.

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8 Kommentare
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  1. [...] ins Leben gerufen. Viele Blogger machen mit: Naturbelastet, Alles-was-Gerecht-ist, Grüne Mode, UnsgehörtdieWelt, Jazzlounge, Slowretail, Myreform, Best-Practice-Business-Blog, Ruhestoerung, A-Lohas, Sebastian [...]

  2. @klaus: du hast ziemlich viel recht! Ich bin grad dabei mal eine Übersicht anzufertigen, was wirklich ökologisch sinnvoller Konsum ist. Was soll man beachten: Region, Verarbeitung, Soziale Arbeitsbedingungen? Was muss mehr gewichtet werden?

    Außerdem finde ich es auch viel besser im Sinne der Fairen Woche nicht nur auf Fair Trade zu achten, sondern grade auch auf Bio. Das ist nämlich zum Großteil aus der Region.

    Zum Glück gibt es hier in Berlin massen an Bio-Läden, weswegen ich gar nicht auf so 2-Wochen Experimente umsteigen muss, sondern konsequent im Bio-Laden (oder Bio-Supermarkt) einkaufen gehe.

  3. Hi Klaus-Werner,

    danke für deinen Beitrag - der Selbstversuch hat nichts mit Lifestyle zu tun - er soll einfach anregen, über das Thema nachzudenken. Bio und regional sind bei mir seit Jahren Standard und daher nicht als Selbstversuch für mich geeignet …

    LG
    C

  4. Hallo Klaus,
    vielen Dank für Deinen qualifizierten Beitrag. Ich finde Deine Bedenken berechtigt - in jedem Fall gehe ich mit, dass Fairtrade nicht ausschließlich als Marketing-Gag dienen sollte, dafür ist das Thema viel zu ernst. Dennoch ist das Fairtrade-Bewußtsein ein wesentlicher gesellschaftlicher Schritt, welchen die “Eine-Welt-Läden” seit Jahren versuchen umzusetzen. Wir werden es uns jetzt! endlich gemeinschaftlich! bewußt, dass Ausbeuterei nicht in Ordnung ist. Damit geht der globale Gedanke um die Welt - losgelöst von den dortigen Problemen wie Hunger und Armut. Dennoch gibt man mit Fairtrade Menschen die Chance unter gerechter Entlohnung und gerechten Arbeitsbedingungen zu arbeiten, wenn dann noch Ökologie beachtet wird, dann sind wir gesellschaftlich auf einem guten Weg.
    LG
    Jens von myreform

  5. @klaus … zu Beginn der Aktion von Christoph hat es ja tatsächlich so ausgesehen, dass alle den Versuch “recht cool” finden. Nun endlich kommen auch die kritischen Stimmen und ich kann dem nur zustimmen.

    @christoph … ein Versuch dient aber immer irgendwie dem Beweis, dass etwas funktioniert: Du hast selbst in einem Videokommentar schon gesagt, dass der Begriff falsch gewählt ist. Irgendwie solltest du noch klarer stellen, dass das kein “Lifestyle” sein kann und man die Aktion nicht nachahmen sollte. Denn das hätte fatale folgen, wie Klaus bereits skizziert hat.

    @meermädchen … saisonal wird vielfach vergessen. Äpfel, die den ganzen Winter hier gelagert wurden in Kühlhäusern können nämlich in ihrer Ökobilanz keineswegs konkurrieren mit Bio-Äpfeln aus Neuseeland oder Argentinien. Der Transport mit dem Schiff (!!) geht nur mit etwa 5% in die gesamtrechnung ein!

  6. Hier einige Gedanken, die ich mir zum “FairTrade- Blogkarneval” gemacht habe: http://kaffee-blog.maskal.de/lohas/karmakonsument-christoph-harrach-in-trans-selbst-fair-suchung-mit-nachhaltiger-wirkung

    Hans

  7. Ich habe auch am Blogkarneval teilgenommen (bei Bedarf hier nachzulesen: Faire Woche: Quid pro quo) und sehe mich in einem ähnlichen Dilemma wie viele der TeilnehmerInnen: Die diffus kursierenden Schlagworte (Klimaneutralität, Öko, Bio, Fair Trade und Bio, Fair Trade aber nicht Bio usw.) lassen einen manchmal den gesunden Menschenverstand vergessen. Einkaufen beim regionalen Wochenmarkt bringt Saisongemüse auf den Tisch und stärkt die regionale Wirtschaft, auch ohne Fair Trade-Markenzeichen.
    Persönlich achten wir auf fair gehandelte Produkte, wo es um Konsumgüter geht, die eben nicht aus der Region bezogen werden können (Tee, Kaffee, Schokolade etc.). Für diese Produkte finde ich eine gewisse Absicherung wie sie sie bspw. Fair Trade-Zertifikate bieten, sinnvoll.

  8. [...] virtuell über den Weg gelaufen. Beim Blogkarneval von Christoph Harrach stieß er ins gleiche kritische Horn bezüglich des Fair-Trade-Man wie ich, auf Xing hat er schnell die neue Gruppe “Nachhaltige [...]

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