APA: “‘Uns gehört die Welt’ - Anti-Globalisierung für Einsteiger”
14. September 2008 | Von Klaus Werner-Lobo | Kategorie: PresseRatschläge zur Weltbesserung vom “Schwarzbuch Markenfirmen”-Autor Klaus Werner (Von Michael Anheier/APA)
Wien (APA) - “Dieses Buch wird euch zornig machen”, verspricht der Autor. Das kommt bekannt daher: 2001 hieß es im Vorwort noch “Dieses Buch wird Sie wütend machen”, als Klaus Werner und Hans Weiss ihr “Schwarzbuch Markenfirmen” herausbrachten. Es prangerte die Praktiken multinationaler Konzerne an, die - obschon meist indirekt - Kinder für sich schuften lassen und im Dienst der Profitmaximierung Umweltzerstörungen und Menschenrechtsverletzungen hinnehmen. Nun lässt Werner im Alleingang eine Art Spin-Off folgen: “Uns gehört die Welt” richtet sich - die sprachliche Adaption ließ es ahnen - primär an jugendliche Leser. Aber auch die Botschaft ist eine erweiterte: Die Multis sind nicht allein für alles Böse auf der Welt zuständig - da gibt es noch die Weltbank, den Währungsfonds und die Welthandelsorganisation. Aber wir können das ändern, denn: siehe Buchtitel.
Das “Schwarzbuch Markenfirmen” wurde zum Bestseller, dem 2006 eine aktualisierte Version folgte - und viele Vorträge und Diskussionen des Autors an Schulen zum Thema Globalisierung. Da seien ihm immer wieder im Wesentlichen drei Fragen gestellt worden, schreibt Werner: Warum handeln die Multis so skrupellos, warum machen Politiker nichts dagegen und was können wir tun, damit das anders wird.? “Uns gehört die Welt” gebe seine Antworten darauf.
Zum Teil nimmt Werner dazu ausgiebige Anleihen aus dem “Schwarzbuch”, weil ihm die Themen - zurecht - nach wie vor brisant erscheinen: Neben den bereits bekannten ausführlichen Firmenporträts von adidas über Coca-Cola bis zu Walt Disney schildert er auch neuerlich, wie er sich im Internet als Rohstoffhändler ausgab und so aufdeckte, dass der Bayer-Konzern im Bürgerkriegsland Kongo ohne Hemmungen mit den Rebellen Geschäfte macht, um an das in der Handy-Erzeugung begehrte Erz Coltan heranzukommen. Oder wie Hans Weiss als “Pharma-Consultant” problemlos mit ungarischen Klinikchefs in Kontakt kam, die bereitwillig Patienten ohne deren Wissen für Medikamentenversuche zur Verfügung stellen wollten.
Über die Kritik an den Machenschaften von Konzernen hinaus - die wie der Öl-Multi “ExxonMobil” bereits jährlich mehr Umsatz machen als ganz Österreich in Form seines Bruttoinlandsprodukts erwirtschaftet - zielt Werner diesmal aber verstärkt auf deren “mächtige Verbündete”, neben konservativ-neoliberalen Regierungen vor allem die Weltbank, den Internationalen Währungsfonds (IWF) und die Welthandelsorganisation (WTO). Erstere finanziere primär Großprojekte, “an denen multinationale Konzerne gut verdienen, aber die einheimische Bevölkerung und die Umwelt leiden”, zweiterer fordere von Staaten, “dass ihre Ausgaben für öffentliche Dienste und Sozialleistungen sinken” und zu letzterer Agenda gehöre, “internationale Vorschriften zum Schutz von Menschenrechten und Umwelt zu bekämpfen, wenn diese die Profite schmälern könnten.”
Was tun? Seinen jungen Lesern gibt Werner eine reiche Palette an Handlungsanleitungen mit, von prosaisch-alltagstauglichen - Fleischverzicht und Bevorzugung von fair Gehandeltem - über sozialromantische - “Lebe deine Träume” - bis zu seltener gelesenen Aufforderungen zu “lustvollen Formen des Protests” wie “adbusting” (Markenlogos werden zu Botschaften über unsaubere Praktiken des beworbenen Konzerns verfremdet) oder das Bekleben von Markenartikeln mit kritischen Botschaften noch im Supermarktregal. Mit letzteren und anderen Aktionen würden zwar die Grenzen des gesetzlich Erlaubten überschritten, räumt Werner ein. Allein: “Zunehmend mehr Menschen handeln aber in der Überzeugung, dass sie durch höhere Ziele wie den Schutz der Menschenrechte oder die Bewahrung der Umwelt dadurch legitimiert sind.”
Aber auch für die Kaste der politisch Verantwortlichen hat Werner Vorschläge: Er erinnert an die EU-Osterweiterung, die nicht die zuvor prognostizierte Migrationswelle ausgelöst habe und fragt keck: “Wie wär’s mit einer EU-Welterweiterung?” Die Union, der es ohnehin massiv an Nachwuchs gebreche, könne doch eine Öffnung ihrer Grenzen ab dem Jahr 2020 ins Auge fassen: “Europa hätte dann mehr als zehn Jahre Zeit, die Ausbeutung der ärmeren Länder zu stoppen. Gelänge dies, ließen europäische Regierungen und Konzerne endlich davon ab, diesen Ländern ihre Reichtümer zu nehmen, dann würden auch nicht plötzlich Millionen von Menschen hier leben wollen.” Jenen, die das aber doch wollen, muss laut Werner eine Integration zuteil werden, die “keine Einbahnstraße” darstelle: “Niemand hat den Anspruch auf ein Land oder eine Kultur, nur weil er oder sie zufällig dort geboren ist.”
“Viele werden behaupten, dieses Buch sei radikal und einseitig”, ist der Autor bemüht, erwartbarer Kritik an seinen mitunter etwas linear anmutenden Analysen und Schuldzuweisungen den Wind aus den Segeln zu nehmen - indem er beides bejaht: “Wenn es radikal ist, zu glauben, dass jeder Mensch auf der Welt das Recht auf ein Leben in Würde hat” einerseits, und “weil es (das Buch, Anm.) sich auf die Seite der Schwächeren schlägt, derer, die unter der Macht der Konzerne und reichen Eliten zu leiden haben” anderseits. Er gibt seinen Lesern unter dem Motto “informiert euch” jedenfalls eine Unmenge weiterführender Links mit auf den Weg, die geeignet sind, den von ihm gezeichneten Schattenriss mit der einen oder anderen Nuance zu versehen.





