Studie über Journalismus in Berlin
Der Verein Netzwerk Recherche sieht sich als Lobby für den in Deutschland vernachlässigten investigativen Journalismus: Er vertritt die Interessen jener JournalistInnen, die oft gegen Widerstände in Verlagen und Sendern qualitätsvolle Recherche betreiben wollen. Für kommenden November wurde ich eingeladen, an der Tagung under cover – Chancen und Grenzen der verdeckten Recherche des Netzwerks teilzunehmen.
Nun hat der Verein eine Studie über Journalismus in der Berliner Republik veröffentlicht. Deren Kernthesen gelten meiner Wahrnehmung nach nicht nur für Berlin und vernachlässigen außerdem das Problem der wirtschaftlichen Interessen von meist in Konzerneigentum stehenden und von der Werbeindustrie abhängigen Medien:
- Die Befragten lassen eine grundsätzliche kritische, in Teilen auch selbstkritische Haltung zur Arbeitssituation in der Hauptstadt erkennen – ohne konkrete Verbesserungsideen und -ansätze im eigenen Berufsalltag präsentieren zu können.
- Die Hauptstadtjournalisten fordern einerseits mehr Selbstreflexion und medienjournalistische Berichterstattung, sind selbst aber nicht bereit oder fähig, die notwendigen Freiräume dafür zu schaffen, obwohl sie in den geeigneten Führungspositionen innerhalb der Redaktionen sitzen.
- Wettbewerbs- und Beschleunigungsdruck durch Online-Angebote und Agenturen zwingen Journalisten wie Politiker in ein Hamsterrad, das es beiden Seiten erschwert, den Überblick zu behalten. Die Folge u.a. Häppchenjournalismus und eine problematische Kurzatmigkeit in der Behand-lung von Sachthemen.
- Die Boulevardisierung sorgt im gesamten Medienfeld dafür, dass der Pressekodex weiter ausgehöhlt wird: Das Privatleben von Politikern ist selbst für traditionelle Qualitätsmedien kein Tabu mehr, wenn es durch das aggressive Vorgehen der Boulevardpresse auf die Agenda gehoben wird und so zwangsläufig politische Relevanz erhält.
- Die Recherchesituation der Hauptstadtjournalisten ist ambivalent: Die Informationsbeschaffung ist gekennzeichnet durch das prekäre Verhältnis von Medien und Politik, das sich im Zusammenspiel von Nähe und Distanz, Ausnutzung und Anfreundung manifestiert.
- Hintergrundkreise stellen nach wie vor eine der wichtigsten Recherchequellen für Hauptstadtjournalisten dar, drohen aber durch Indiskretionen nutzlos zu werden. Das (professionelle) Vertrauen zwischen dem politischen und dem journalistischen Personal wurde in der Vergangenheit bereits nachhaltig erschüttert.
- Für die Recherche gilt, dass aktualitätsgebundene Redaktionen weniger recherchieren als andere, Zentralredaktionen eine umfassende Recherche gar nicht erst erwarten, Recherchen – im ökonomischen und ideellen Sinn – nicht angemessen honoriert werden und das Miteinander von Journalisten und Politikern generell einen ‘Zuckerbrot-und-Peitsche-Prinzip’ folgt.






Verwechsle ich das mit einer anderen Aktion oder waren das nicht die, die jedes Jahr eine Liste vernachlässigter Nachrichtenthemen herausgebracht haben? Allerdings waren darunter regelmäßig auch Themen, die zurecht vernachlässigt werden, weil sie ganz einfach unwahr waren…
darüber ist mir nichts bekannt; hab auf der homepage auch keine solche liste gefunden…obwohl ich mir oft denke dass das gar keine so schlechte idee wäre…