Rechtsextremismus in der Mitte der Gesellschaft
28. Juni 2008 | Von Klaus Werner-Lobo | Kategorie: Hintergründevia SOS Mitmensch:
Eine deutsche Studie bringt alarmierende Ergebnisse über die Verbreitung von Fremdenfeindlichkeit in der gesellschaftlichen Mitte. Und über den Zusammenhang mit gesellschaftlichem Normierungsdruck und Entfremdung vom politischen System.
Die Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung
Rechtsextremismus gedeiht auf dem Boden von Angst- und Ausgrenzungserfahrungen. Gleichzeitig zeigen sich weit verbreitete ausländerfeindliche Einstellungen sowie eine geringe Wertschätzung der Demokratie in der deutschen Bevölkerung. Zu diesem Befund kommt die bundesweite Studie „Ein Blick in die Mitte. Zur Entstehung rechtsextremer und demokratischer Einstellungen“ unter der Leitung der Leipziger Wissenschaftler Dr. Oliver Decker und Prof. Dr. Elmar Brähler im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung.
Die Studie schließt an die Repräsentativbefragung „Vom Rand zur Mitte“ (2006) an, indem sie eine qualitative Vertiefung der ersten Studie anhand der Leitfrage vornimmt, wie rechtsextremes Gedankengut in der heutigen Gesellschaft entsteht.
Zentrale Ergebnisse der Studie im Überblick
- Ausländerfeindliche Ressentiments werden mit besorgniserregender Selbstverständlichkeit geäußert, auch bei Personen, die in der ersten Studie nicht durch rechtsextreme Äußerungen aufgefallen waren.
- Es wird ein hoher gesellschaftlicher Normierungsdruck empfunden; gleichzeitig werden Sanktionen gegenüber abweichendem Verhalten akzeptiert. Dadurch geraten insbesondere Migrantinnen und Migranten sowie Arbeitslose unter Anpassungsdruck und werden ausgegrenzt.
- Es herrscht ein großes Unverständnis über die Möglichkeiten zur Mitgestaltung in einer Demokratie. Dies ist verbunden mit einer alarmierenden Geringschätzung des demokratischen Systems. Demokratie wird weitgehend nur insofern akzeptiert, wie sie individuellen Wohlstand garantiert.
- Autoritäre Denkstrukturen und Gewalterfahrungen haben nach wie vor eine hohe Bedeutung bei der Herausbildung rechtsextremer Einstellungen. Umgekehrt wirken die Fähigkeit zur Empathie und die Erfahrung von Anerkennung als Schutz davor.
- Die große Bedeutung der nationalsozialistischen Vergangenheit in allen Generationen: Eine Verweigerung der Auseinandersetzung mit der NS-Zeit befördert rechtsextreme Einstellungen; eine sowohl inhaltliche als auch emotionale Auseinandersetzung hemmt rechtsextreme Einstellungen.
Die Studie im Detail
In bundesweit zwölf Gruppendiskussionen wurden von dem Leipziger Forschungsteam Personen erneut befragt, die in der Fragebogenuntersuchung im Jahr 2006 rechtsextreme oder nicht-rechtsextreme Einstellungen beziehungsweise sich unentschieden gezeigt hatten. In diesen Gruppen kamen Personen mit unterschiedlicher sozialer Herkunft, Generation und Berufstätigkeit zusammen. Die Studie gewährt mithin tatsächlich einen Einblick in die Mitte der deutschen Gesellschaft.
„Wir wollten die politischen Aussagen mit den Lebensläufen der befragten Personen in Verbindung bringen“, erläutert Decker. „Es war beispielsweise erschreckend, wie viele der Befragten Erfahrungen mit psychischer und physischer Gewalt, mit Stigmatisierung gemacht haben.“ Da hatten Alteingesessene ihren Kindern verboten mit Flüchtlingskindern zu spielen; Eltern und Lehrer hatten die Kinder geschlagen oder überfordert; eine Frau im Bekanntenkreis wird unter Druck gesetzt, weil ihr Sohn arbeitslos ist. Decker weiter: „Wir müssen verstehen, dass Menschen nicht so sehr die Sorge haben, aus der Gesellschaft herauszufallen, sondern Angst vor dem Zugriff der Gesellschaft.“
Angst vor gesellschaftlichem Zugriff
Der Begriff der Desintegration verschleiere, dass Stigmatisierung den Menschen zwar aus der Gesellschaft oder Gemeinschaft ausgrenze, ihm dabei aber zugleich den Schutzes vor dem Zugriff dieser Gemeinschaft nimmt: „Wer abweicht, ist dem psychischen Normierungsdruck der Gemeinschaft ebenso ausgesetzt wie dem Zugriff staatlicher Stellen“, erläutert Decker.
Dass rechtsextremes Gedankengut seit dem Nationalsozialismus mehr als ein halbes Jahrhundert überdauert, erklärt Decker mit dem Bild der „narzisstischen Plombe“. Der mit dem sog. Wirtschaftswunder in Westdeutschland relativ schnell einsetzende Wohlstand habe weder für Nachdenklichkeit noch für Scham Raum und Zeit gelassen. Eine ähnliche Entwicklung erhofften Ostdeutsche nach der Wende und beantworten die Enttäuschung dieser Erwartung mit Politik- und Demokratieverdrossenheit. „Immer dann, wenn der Wohlstand als Plombe bröckelt, steigen aus dem Hohlraum wieder antidemokratische Traditionen auf.“
Die Beschäftigung mit der NS-Vergangenheit, auch dies ein Ergebnis der Studie, hat noch für die heutige Generation große Bedeutung: „Wir können sogar bei heute 20- bis 30jährigen feststellen, dass eine demokratische Einstellung häufig einhergeht mit einer Aufarbeitung der NS-Vergangenheit, die Scham und Schuld über die familiären Verstrickungen zulässt“.
Ohnmachtserfahrungen schaden demokratischem Empfinden
Welche weiteren Faktoren sind für die Ausbildung demokratischer Einstellungen wichtig? „Menschen, die in der Lage sind, sich in andere einzufühlen, sind in der Regel nicht ausländerfeindlich“, so Decker. Dabei spiele die eigene Erziehungserfahrung eine wichtige Rolle: „Je mehr Raum kindlicher Phantasie eingeräumt, je mehr Kinder die Erfahrung machen, selbst etwas bewegen zu können und je weniger autoritäre Prägung durch Eltern oder Lehrer erfahren wurde, umso deutlicher sind die Menschen als Erwachsene demokratisch eingestellt“, fasst Decker das Ergebnis zusammen.
Politische Konsequenzen
- Menschen müssten in Politik, Unternehmen und Bildungseinrichtungen die Erfahrung machen können, dass sie ein bestimmtes Ziel auch durch Überwindung von Hindernissen am Ende tatsächlich erreichen können.
- Dies gilt insbesondere für Migrant/innen und bildungsbenachteiligte Mitglieder unserer Gesellschaft. Neue Partizipationsformen und -methoden sind dafür nötig.
- Diskurse, die eine Ungleichwertigkeit von Menschen behaupten, müssten unterlassen und gesellschaftlich geächtet werden.
- Eine stärkere Verpflichtung der öffentlich-rechtlichen Medien, den politischen Bildungsauftrag zu erfüllen, da Wissensdefizite über das demokratische System und die Mitwirkungsmöglichkeiten des Einzelnen bestehen.
- Eine sensible Erinnerungskultur bezüglich der deutschen nationalsozialistischen Vergangenheit müsste gepflegt werden. Dies bedeutet, von Deutschen begangene Verbrechen anzuerkennen, einen emotionalen Zugang zu der Vergangenheit zu eröffnen und die aus der Geschichte erwachsende Verantwortung zu vermitteln.
Die Studie ist auch online verfügbar: http://www.fes.de/rechtsextremismus
Ein Blick in die Mitte – Zur Entstehung rechtsextremer und demokratischer Einstellungen
von Oliver Decker, Katharina Rothe, Marliese Weissmann, Norman Geißler und Elmar Brähler unter Mitarbeit von Franziska Göpner und Kathleen Pöge. Friedrich- Ebert-Stiftung, Berlin 2008





[...] > dichten homerische epen, singen orpheisch den steinen was vor, machen > sich gar gedanken, wie gesellschaftliche entscheidungen von den > wenigen auf die vielen verlagert werden koennen - sie froenen der > [...]
[...] und Technik im Wissenschaftszentrum NRW - ein Landesinstitut), würdest Du feststellen, daß diese Quelle mindestens ebenso neutral ist, wie Deine verlinkte Come-To-Switzerland Broschüre des schweizer [...]